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Ein Kulturdampfer im Schlingerkurs

6. Februar 2010 | 16:55 | | Hedwig Kainberger (SN). |
Analyse. Seit Jahren gibt es im Kuratorium und Direktorium der Salzburger Festspiele manche Anzeichen von Führungsschwächen.
Die aktuellen Kapitäne der Salzburger Festspiele vor dem Motto 2010: Thomas Oberender, Markus Hinterhäuser, Präsidentin Helga Rabl-Stadler, Intendant Jürgen Flimm und Gerbert Schwaighofer, Bild: SN/AP

Die aktuellen Kapitäne der Salzburger Festspiele vor dem Motto 2010: Thomas Oberender, Markus Hinterhäuser, Präsidentin Helga Rabl-Stadler, Intendant Jürgen Flimm und Gerbert Schwaighofer, Bild: SN/AP

Hedwig Kainberger
SALZBURG (SN). Die Salzburger Festspiele sind verletzlich geworden. In den Vorjahren veränderten sich einige Parameter in diesem Unternehmen, die Anlass zu Sorge geben und ein Umfeld schaffen, in das sich der „Fall Kretschmer“ fügt.

Beginnen wir im Sommer 2002. Die sieben Abteilungsleiter der Salzburger Festspiele erklärten in einem Brief an das Kuratorium, sich zu weigern, weiterhin mit dem kaufmännischen Direktor Gerbert Schwaighofer zu arbeiten. Die sieben warfen dem Direktoriumsmitglied „mangelnde Führungskompetenz“ und „Störung des Betriebsklimas“ vor. Für eine Auflösung dieses Wickels hätten der eine oder die sieben gehen müssen. Doch der eine konnte nicht gehen, denn kein Kuratorium (gleichsam der Eigentümervertreter) lässt sich ein kurz zuvor von ihm bestelltes Vorstandsmitglied hinauskatapultieren.

Verlust der Abteilungsleiter

Auch die anderen sieben konnte man nicht allesamt feuern, denn einen solchen Aderlass an Know-how und ein solches Wegrasieren des mittleren Managements hätten vermutlich nicht einmal die Salzburger Festspiele ausgehalten. Der eine und die sieben blieben also. Doch fast alle Abteilungsleiter verschwanden nach und nach: Einer ging unfreiwillig in Frühpension. Zwei gingen freiwillig in Pension. Drei nahmen von woanders Angebote an. Der Aderlass an Know-how kam also trotzdem, doch schleichend.

Etwa drei Jahre nach dem unseligen Brief war nur noch einer im Amt: der Technische Direktor Klaus Kretschmer. Offenbar war er der einzige, der im Scharmützel gegen den Kaufmännischen Direktor die Oberhand behalten hat. Und offenbar waren Schranken der hausinternen Strenge, die bis dahin (vor allem durch Intendant und Leiter des Rechnungswesens) gesetzt waren, brüchig geworden.

Auch im Rechnungswesen der Salzburger Festspiele kam es in den vorigen vier, fünf Jahren zu erdbebenartigen Erschütterungen und Know-how-Verlust. Drei Mitarbeiter – vom jahrelang tätigen Buchhalter bis zum kurz zuvor bestellten Abteilungsleiter – verloren binnen kurzer Fristen ihre Arbeitsplätze.

Schwäche der Intendanten

Ein weiteres Führungsproblem ergab sich mit den Intendanten, die auf Gérard Mortier folgten. Peter Ruzicka war nebenbei als Dirigent, Künstlerischer Leiter der Münchner Biennale und Komponist tätig. Nach fünf Jahren wurde er dafür von Republik, Land und Stadt mit Ehrenzeichen gewürdigt. Wer wollte, könnte dies als Botschaft verstehen: Nebentätigkeiten in Spitzenpositionen der Salzburger Festspiele sind erwünscht und lobenswert.

Der Abgang nach Berlin

Jürgen Flimm, der das Amt des Intendanten mit Verve und offensichtlicher Freude angetreten hatte, machte zwei fatale Schachzüge. Er versuchte im Dezember 2008 die Kündigung des von ihm zuvor nach Salzburg geholten Schauspielchefs Thomas Oberender durchzusetzen, doch als das Kuratorium dies beschließen sollte, legte Thomas Oberender einen Brief vor, in dem er den Intendanten des Mobbings beschuldigte. Im Jänner 2009 nahm das Kuratorium die Kündigung Oberenders auf Empfehlung des Direktoriums, also auch Flimms, wieder zurück. Weder die Kündigung noch deren Rücknahme waren sachlich nachvollziehbar. Es war, als wäre ein Konflikt eisig erstickt worden.

Der mittlerweile offenbar vom Kuratorium durch dauerndes Fordern nach mehr und noch mehr Eigeneinnahmen der Salzburger Festspiele mürbe gemachte Jürgen Flimm nahm im Dezember 2008 – zur Halbzeit seines Salzburger Vertrags – das Angebot in Berlin an, Intendant der Staatsoper Unter den Linden zu werden und teilte dieses Vorhaben in einer Pressekonferenz in Berlin mit. Flimm hatte versäumt, zuvor seinen Dienstgeber, also das Kuratorium, zu informieren, was ihm von Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) Vorwürfe des Vertragsbruchs wegen unerlaubter Nebenbeschäftigung einbrachte. Flimm bestritt dies. Dem folgte ein langes Zaudern des Kuratoriums, ob und wie und wann Flimms Vertrag zu beenden sei. Sieben Monate lang blieb diese essenzielle Führungsfrage ungeklärt und wurde mit einem sonderbaren Kompromiss bewältigt: einer Interimsintendanz. Wer wollte, konnte sich dabei denken: Wer wie lang die Festspiele leitet, ist nicht so wichtig.

Der Interimsintendant

Ebenso quälend war der Umgang des Kuratoriums mit Konzertchef Markus Hinterhäuser. Erst wurde er als künftiger Intendant gehandelt, plötzlich wurde er, als endlich das Vertragsende Jürgen Flimms mit Mitte 2010 vorgegeben war, für ein Jahr als Interimsintendant bestellt. Darüber war sogar Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) überrascht, obwohl deren Vertreterin Wilhelmine Goldmann dem Kuratorium vorsaß. Ein Führungsjob bei den Salzburger Festspielen – nicht mehr als ein Trostpflaster? Undeutlicher Umgang mit Nebenbeschäftigungen sowie unklare, zeitweise sogar wirre Entscheidungen in Machtfragen: Das hat also das Kuratorium im Umgang mit den Intendanten jahrelang selbst vorexerziert. Bei etwaigen Verstößen gegen die Grundsätze von Sparsamkeit und Rechtmäßigkeit innerhalb des Betriebs der Salzburger Festspiele muss man daher die Frage nach Verantwortung und Konsequenzen nicht nur den Verdächtigten, für die nach wie vor die Unschuld zu vermuten ist, und dem Direktorium stellen, sondern auch dem Aufsichtsgremium.

Reform des Kuratoriums?

Muss man das Kuratorium der Festspiele reformieren? Das dürfte nicht viel helfen. Denn jahrzehntelang hat es passabel funktioniert. Warum jetzt nicht mehr? Treffender als es Staatsoperndirektor Ioan Holender Ende der Vorwoche im „Presse“-Interview – wenngleich für die Staatsoper – tat, lässt sich der Grund kaum formulieren: „Das Interesse (der Politik, Anm.) für die Kultur und für dieses Haus ist in den 22 Jahren, in denen ich hier bin, so gefallen wie eine schlechte Aktie. Nun sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weiter nach unten gehen kann.“

© SN/SW

 
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